Vieles geschieht schnell
Nicht jede Situation wird von Grund auf neu betrachtet. Wahrnehmungen, Bewertungen und Handlungsimpulse entstehen mitunter innerhalb kurzer Zeit.
Daniel Kahneman unterscheidet dafür zwei Formen der Verarbeitung: eine schnelle, automatische und assoziative sowie eine langsamere, aufmerksamere und stärker kontrollierte Verarbeitung.
Automatische Prozesse sind nicht grundsätzlich problematisch. Sie ermöglichen rasche Orientierung, erleichtern vertraute Handlungen und entlasten unsere Aufmerksamkeit.
Bedeutsam wird die Frage, ob eine erste Wahrnehmung oder Bewertung unbemerkt zur alleinigen Grundlage des Handelns wird.
Was in uns entsteht
In einer Situation treten mitunter fast gleichzeitig unterschiedliche Prozesse auf:
- ein Gedanke,
- eine Bewertung,
- ein Gefühl,
- eine körperliche Veränderung,
- ein Impuls zu handeln.
Einzelne Aspekte werden vielleicht wahrnehmbar. Mit ihnen zeigt sich etwas von dem, was das eigene Erleben und Handeln gerade prägt.
Körperliche Wahrnehmungen besitzen dabei keine eindeutige psychologische Bedeutung. Ein veränderter Atem, eine Bewegung oder eine körperliche Spannung sagt für sich genommen noch nicht, was eine Situation bedeutet.
Beobachtung und Deutung
Was geschieht, ist nicht immer dasselbe wie das, was wir darin sehen.
Eine Deutung ist nicht automatisch unzutreffend. Sie gibt mitunter Orientierung und ermöglicht schnelles Handeln.
Die Unterscheidung zwischen Beobachtung und Deutung entwertet die erste Wahrnehmung nicht. Sie hält für einen Moment offen, was bereits wahrnehmbar ist – und was noch nicht gewusst wird.
Der Gap
Gap bezeichnet in dieser Erkundung einen möglichen Spielraum zwischen einem wahrgenommenen Impuls und einer Antwort. Der Ausdruck dient hier als Arbeitsbegriff.
Gemeint ist kein besonderer Ort im Bewusstsein und keine Instanz außerhalb des eigenen Erlebens. Die Frage richtet sich darauf, ob neben einer zunächst naheliegenden Reaktion weitere Möglichkeiten wahrnehmbar werden.
Ein solcher Spielraum ist nicht in jeder Situation zugänglich. Auch die rückblickende Betrachtung muss keine weitere Möglichkeit sichtbar machen. Eine erkannte Alternative bedeutet zudem noch nicht, dass sie in der damaligen Situation umsetzbar war.
Eine vertraute Antwort wird durch eine Alternative nicht falsch. Eine andere Möglichkeit ist nicht automatisch die bessere.
Mentale Autonomie
Thomas Metzinger bezeichnet mit mentaler Autonomie die Fähigkeit, eigene mentale Prozesse gezielt zu steuern. Dazu gehört insbesondere, einen laufenden Gedankengang absichtlich zu unterbrechen oder die Aufmerksamkeit neu auszurichten (Metzinger, 2013).
Diese Fähigkeit steht nicht jederzeit zur Verfügung. Einen Gedanken, ein Gefühl oder einen Impuls wahrzunehmen, bedeutet noch nicht, dessen Verlauf bewusst steuern zu können.
Für die Erkundung liegt darin ein theoretischer Bezugspunkt: Das Verhältnis zu eigenen Gedanken, Deutungen und Impulsen wird zum Gegenstand der Betrachtung. Ob dabei ein Spielraum wahrnehmbar wird oder sich die Fähigkeit zur bewussten Steuerung verändert, ist durch die Erkundung nicht nachgewiesen.
Die Antwort wird Teil der Situation
Eine pädagogische Antwort bleibt nicht isoliert. Sie wird Teil eines Geschehens zwischen Menschen.
Was anschließend wahrnehmbar wird – etwa in der Reaktion anderer, in Kontakt oder Distanz oder in der Atmosphäre – lässt sich nicht vollständig vorhersagen. Auch deshalb gibt es nicht die eine Antwort, die unabhängig von der jeweiligen Situation richtig wäre.
Die theoretische Perspektive führt damit zurück zu den Fragen der Erkundung:
Was geschah?
Was entstand in dir?
Was war zwischen den Beteiligten wahrnehmbar?
Zeigt sich beim erneuten Betrachten eine weitere Möglichkeit?
Vielleicht bleibt eine dieser Fragen offen.
Literatur und Vertiefung
Die theoretische Einordnung dieser Erkundung knüpft insbesondere an folgende Arbeiten an:
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Daniel Kahneman (2012):
Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler Verlag.
Informationen und Leseprobe beim Verlag ↗ (öffnet in einem neuen Fenster) -
Thomas Metzinger (2014):
Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Piper Verlag.
Informationen zum Buch beim Verlag ↗ (öffnet in einem neuen Fenster) -
Thomas Metzinger (2013):
The myth of cognitive agency: subpersonal thinking as a cyclically recurring loss of mental autonomy. Frontiers in Psychology, 4, Artikel 931.
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