Theoretischer Hintergrund

Grundbedürfnisse

Die folgenden Gedanken bieten eine mögliche theoretische Perspektive auf die Erkundung.

Sie legen nicht fest, wie eine konkrete Situation zu verstehen ist.

Psychologische Grundbedürfnisse

Die Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan beschreibt drei grundlegende psychologische Bedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit.

Sie richtet den Blick nicht nur darauf, ob Menschen motiviert sind, sondern auch auf die Bedingungen, unter denen eigenes Handeln als selbstbestimmt, wirksam und verbunden erlebt wird.

Für schulische Situationen eröffnet diese Perspektive einen Blick auf Lern- und Beziehungserfahrungen und auf die Bedingungen, unter denen sie entstehen.

Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit

Autonomie bezeichnet das Erleben, das eigene Handeln als selbstbestimmt und selbstgetragen zu erfahren. Gemeint ist damit weder vollständige Unabhängigkeit noch Beliebigkeit.

Kompetenz bezeichnet das Erleben, Anforderungen zu bewältigen und mit dem eigenen Handeln etwas zu bewirken. Dabei geht es nicht allein um Leistung oder Erfolg.

Soziale Eingebundenheit bezeichnet das Erleben von Zugehörigkeit, Angenommensein und Verbundenheit mit anderen.

Wie Selbstbestimmung, Wirksamkeit und Verbundenheit erlebt werden, unterscheidet sich zwischen Personen und Situationen. Einzelne Beobachtungen erlauben keine eindeutigen Rückschlüsse auf das Erleben eines Menschen.

Grundbedürfnisse und ihre Bedingungen

Die Selbstbestimmungstheorie versteht Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als grundlegende psychologische Bedürfnisse aller Menschen. Wie weit diese Bedürfnisse in einer konkreten Situation befriedigt werden, hängt auch von den jeweiligen sozialen und institutionellen Bedingungen ab.

Für die Betrachtung schulischer Situationen stellt sich damit die Frage, welche Bedingungen selbstgetragenes Handeln, das Erleben eigener Wirksamkeit und Verbundenheit unterstützen oder erschweren. Ein eingeräumter Entscheidungsspielraum belegt dabei noch kein Autonomieerleben; gemeinsame Anwesenheit belegt noch keine erlebte Zugehörigkeit.

Die Aufmerksamkeit richtet sich auf das Verhältnis zwischen persönlichem Erleben, Aufgabe, Beziehungen und Rahmenbedingungen. Aus einer einzelnen Beobachtung lässt sich nicht eindeutig erschließen, wie eine andere Person diese Bedingungen erlebt.

In dieser Erkundung dienen die drei Begriffe als Reflexionsperspektive. Sie werden nicht eingesetzt, um Personen zu beurteilen oder die Befriedigung ihrer Bedürfnisse diagnostisch zu erfassen.

Wahrnehmen vor Verändern

Die Perspektive der Grundbedürfnisse bietet einen weiteren Zugang zur betrachteten Situation. Sie richtet Aufmerksamkeit auf Selbstbestimmung, Wirksamkeit und Verbundenheit, ohne festzulegen, welche Bedeutung diese für das eigene Erleben hatten.

Ob sich dadurch etwas an der bisherigen Wahrnehmung verändert, bleibt offen. Die Begriffe erklären eine konkrete Situation nicht vollständig und geben keine bestimmte Handlung vor.

Die Deutung der Situation darf zunächst vorläufig bleiben. Daraus folgt kein allgemeiner Aufschub pädagogischen Handelns. Wo eine Situation eine unmittelbare Antwort verlangt, bleibt diese Verantwortung bestehen.

Wahrnehmen vor Verändern bezeichnet hier die Ausrichtung der Erkundung: Sie gibt der Betrachtung Raum, ohne daraus eine Veränderungsaufgabe abzuleiten. Welche Konsequenzen angemessen sind, ist im jeweiligen schulischen Zusammenhang zu beurteilen.

Literatur

  • Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2017). Self-Determination Theory: Basic Psychological Needs in Motivation, Development, and Wellness. Guilford Press.
    Verlagsseite
  • Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “What” and “Why” of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
    Artikel
  • Self-Determination Theory. Basic Psychological Needs.
    Weiterführende Informationen