Zum theoretischen Hintergrund
Was sich nicht festlegen lässt
Anliegen und Verlauf
Die Erkundung greift das Modul „Unverfügbarkeit aushalten“ aus dem Handbuch Resonanzbasierte Schulentwicklung auf. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen einem eigenen pädagogischen Anliegen, dem eigenen Handeln und einem Verlauf, an dem andere Menschen beteiligt sind.
Ein Anliegen gibt Orientierung. Eine Erklärung vorbereiten, eine Vereinbarung treffen oder eine Grenze setzen gehört zur pädagogischen Verantwortung. Wie andere Menschen darauf antworten und welche Bedeutung das Geschehen für sie erhält, lässt sich jedoch nicht vollständig bestimmen.
Die Erkundung lädt dazu ein, diese Unterschiede an einer konkreten Situation zu betrachten. Ein abweichender Verlauf stellt das eigene Anliegen nicht automatisch infrage. Er gibt Anlass, die Bedeutung des Anliegens und die damit verbundenen Vorstellungen über den Verlauf der Situation genauer anzusehen.
Unverfügbarkeit und Resonanz
Hartmut Rosa richtet mit seinem Resonanzbegriff den Blick auf die Beziehung zwischen Mensch und Welt. Resonanz bezeichnet ein Geschehen, in dem Menschen von etwas angesprochen werden, darauf mit eigener Stimme antworten und sich in dieser Beziehung verändern. Ob und wie sich ein solches Geschehen ereignet, lässt sich nicht erzwingen oder als Ergebnis eines bestimmten Vorgehens zusichern (vgl. Rosa, 2016).
Unverfügbarkeit bedeutet in diesem Zusammenhang mehr als einen unvorhergesehenen Verlauf. Nicht jede Überraschung, jede Äußerung oder jede Veränderung ist bereits Resonanz. Ebenso wenig lässt sich aus Zustimmung oder einem reibungslosen Ablauf auf Resonanz schließen.
Für die Erkundung bildet diese Perspektive einen theoretischen Bezugspunkt. Sie bietet kein Verfahren, mit dem Resonanz hergestellt oder im Rückblick eindeutig nachgewiesen werden kann.
Die Antworten der anderen
Andere Menschen begegnen einer Situation mit eigenen Erfahrungen, Anliegen und Deutungen. Ihre Antworten gehen deshalb nicht im eigenen Vorhaben auf.
Die Erkundung richtet die Aufmerksamkeit auf das, was andere tatsächlich gesagt oder getan haben. Davon bleibt das eigene Verständnis ihrer Äußerungen unterschieden. Schweigen lässt beispielsweise für sich genommen nicht erkennen, ob jemand zustimmt, unsicher ist, nachdenkt oder innerlich Abstand nimmt.
Diese Unterscheidung hält die Eigenständigkeit der anderen gegenwärtig. Wo ihre Sicht nicht bekannt ist, bleibt eine Frage offen. Im gemeinsamen Alltag bietet ein Gespräch Gelegenheit, nachzufragen und das eigene Verständnis zu überprüfen.
Orientierung und Verantwortung
Die Begrenztheit des eigenen Einflusses hebt die Verantwortung für das eigene Handeln nicht auf. Verständliche Aufgaben, verlässliche Absprachen, Unterstützung und notwendige Grenzen geben einem gemeinsamen Geschehen Orientierung.
Die Gestaltungsfrage lautet deshalb, welche Festlegungen in einer Situation erforderlich sind und wo unterschiedliche Wege oder Antworten Raum erhalten. Das verlangt eine aufmerksame Einschätzung der konkreten Bedingungen. Abwarten ist nicht in jeder Situation angemessen; auch Klärung und Eingreifen gehören zu einem verantwortlichen Umgang mit einem offenen Verlauf.
Ein Anliegen verfolgen und die Eigenständigkeit anderer berücksichtigen gehören dabei zusammen.
Das eigene Erleben wahrnehmen
Auch das eigene Erleben gehört zur Betrachtung einer Situation. Erinnerbare Gedanken, Empfindungen und Handlungsimpulse geben Hinweise darauf, was im betreffenden Moment bedeutsam war.
Körperliche Anspannung belegt jedoch für sich genommen keinen übermäßigen Kontrollanspruch. Ebenso wenig beweist Ruhe eine offene Haltung. Die Erkundung lädt zur Wahrnehmung ein, ohne einzelnen Empfindungen bereits eine feste Bedeutung zuzuweisen.
Im Rückblick bleibt zudem manches unklar. Erinnerung eröffnet einen Zugang zur Situation, bildet ihren damaligen Verlauf aber nicht vollständig ab.
Ein offener Abschluss
Die Erkundung führt das eigene Anliegen, den Verlauf und die Antworten anderer zusammen. Eine neue Einsicht oder ein verändertes Vorgehen ist dabei kein vorausgesetztes Ergebnis.
Die freiwillige spätere Erprobung eröffnet einen zusätzlichen Zugang im Alltag. Sie bietet Gelegenheit, Orientierung und offenen Spielraum in einer kommenden Situation bewusst zu berücksichtigen und anschließend auf das tatsächliche Geschehen zurückzublicken. Die Erkundung bleibt auch ohne diese Fortsetzung abgeschlossen.
Literatur und Bezug
Rosa, H. (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.
Stockem, U. (2026). Resonanzbasierte Schulentwicklung: Von der individuellen Haltung zur institutionellen Mündigkeit (Version 4.2), Modul II.2 „Unverfügbarkeit aushalten“. Zenodo. Zum Handbuch