Den Gap betrachten
Die Erkundung greift einen Schwerpunkt des Moduls II.1 „Den Gap nutzen“ aus dem Handbuch Resonanzbasierte Schulentwicklung auf. Der Gap bezeichnet dort einen möglichen Spielraum zwischen einem auftretenden Impuls und einer möglichen Reaktion darauf (vgl. Stockem, 2026a).
Im digitalen Angebot wird eine Pause in der Betrachtung einer offenen Situation angeboten. Gedanken, körperliche Empfindungen und Handlungstendenzen erhalten Aufmerksamkeit, bevor eine Antwort festgelegt wird. Ob dabei ein Spielraum wahrnehmbar wird, ist durch die Pause nicht entschieden.
Auch die Betrachtung im Nachhinein ist von der ursprünglichen Situation zu unterscheiden. Was beim Erinnern auffällt, belegt nicht, dass dieselbe Möglichkeit damals zugänglich war oder später unter Handlungsdruck verfügbar sein wird.
Automatische Reaktion und bewusstes Prüfen
Kahneman unterscheidet schnelle, weitgehend automatische Verarbeitung von langsameren, auf Aufmerksamkeit und Anstrengung angewiesenen Formen des Denkens. Automatische Reaktionen sind dabei nicht grundsätzlich unangemessen; bewusstes Nachdenken garantiert keine bessere Entscheidung (vgl. Kahneman, 2012).
Diese Unterscheidung bietet einen Bezugspunkt für die Betrachtung eigener Reaktionen. Die angebotene Pause ist jedoch kein Schalter, mit dem sich eine bestimmte Verarbeitungsweise zuverlässig aktivieren lässt.
Mentale Autonomie
Metzinger bezeichnet mit mentaler Autonomie die Fähigkeit, eigene mentale Prozesse gezielt zu steuern. Dazu gehört insbesondere, einen laufenden mentalen Prozess absichtlich zu unterbrechen oder zu beenden. Diese Fähigkeit steht nicht jederzeit zur Verfügung (vgl. Metzinger, 2013).
Die Erkundung lädt dazu ein, Gedanken und Impulse zu betrachten, ohne daraus unmittelbar eine Handlung abzuleiten. Das angebotene Verweilen bei einem Gedanken oder Impuls berührt damit die Frage, wie eine Person sich zu ihren eigenen mentalen Prozessen verhält. Es belegt für sich genommen jedoch keine gezielte Steuerung oder Unterbrechung dieser Prozesse.
Einen Impuls wahrzunehmen, ihn zu unterbrechen und anders zu handeln sind unterschiedliche Vorgänge. Die Teilnahme an der Erkundung belegt deshalb keine Zunahme mentaler Autonomie.
Presencing und drei Perspektiven der Öffnung
Presencing steht bei Scharmer im Zusammenhang mit dem Loslassen vertrauter Orientierungen und der Öffnung für entstehende Möglichkeiten. Offener Geist, offenes Herz und offener Wille bilden wichtige Bezugspunkte seines Ansatzes (vgl. Scharmer, 2020).
Die vorliegende Erkundung greift diese Bezugspunkte auf und entwickelt daraus drei eigene Betrachtungsperspektiven. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte, ohne Scharmers Begriffe vollständig abzubilden.
Eine weitere Sicht
Diese Perspektive lädt dazu ein, die erste Einschätzung zu prüfen, fehlende Informationen zu bemerken und andere Perspektiven zu erwägen. Sie greift damit einen Gesichtspunkt des offenen Geistes auf.
Die anderen im Blick
Diese Perspektive richtet Aufmerksamkeit auf die Beteiligten und ihre Anliegen. Eigene Vorstellungen über ihr Erleben bleiben von dem unterschieden, was sie selbst zum Ausdruck bringen. Darin liegt ein Bezug zum offenen Herzen, ohne ein bestimmtes Gefühl von Nähe oder Mitgefühl vorauszusetzen.
Eine mögliche Antwort
Diese Perspektive eröffnet die Betrachtung eines nächsten Schrittes. Im Anschluss an den offenen Willen erhält die Frage Raum, ob eine bisher bevorzugte Antwort noch trägt oder eine andere Möglichkeit in Betracht kommt. Eine bereits erwogene Antwort darf bestehen bleiben; ebenso eine noch offene Entscheidung.
Diese Zugänge sind eine didaktische Ausarbeitung für den digitalen Resonanzraum. Sie bilden Scharmers Konzeption nicht vollständig ab und verlangen weder einen besonderen inneren Zustand noch das Entstehen einer neuen Antwort.
Offenheit und die Grenzen der Verfügung
Rosas Resonanzperspektive richtet den Blick auf eine Weltbeziehung, deren Zustandekommen sich der gezielten Herstellung entzieht (vgl. Rosa, 2016). Daraus ergibt sich für diese Erkundung eine Begrenzung ihres Anspruchs: Weder Resonanz noch eine bestimmte Reaktion anderer lässt sich durch eine sorgfältig erwogene Antwort sicherstellen.
Das Innehalten hebt bestehende Verantwortlichkeiten nicht auf. Auch eine klare Grenze oder eine unmittelbare Intervention kann erforderlich sein. „Noch nicht entscheiden“ bezeichnet deshalb eine Einladung für Situationen, die Zeit zur Betrachtung lassen.
Ob eine erwogene Antwort später umgesetzt wird und was darauf folgt, gehört zu einem weiteren Zusammenhang. Eine spätere Rückschau richtet sich auf tatsächliches Handeln, beobachtbare Reaktionen und die Aussagen der Beteiligten. Erwartete und beobachtete Folgen bleiben dabei zu unterscheiden.
Die Gestaltung orientiert sich damit an einer Zielorientierung ohne Ergebnisfestlegung: Sie bietet Zugänge und Betrachtungsrichtungen an, ohne eine bestimmte persönliche Erfahrung oder Entscheidung vorauszusetzen (vgl. Stockem, 2026b).
Literatur
- Kahneman, D. (2012). Schnelles Denken, langsames Denken. Siedler.
-
Metzinger, T. (2013).
The myth of cognitive agency:
Subpersonal thinking as a cyclically recurring
loss of mental autonomy.
Frontiers in Psychology, 4,
Artikel 931.
Fachartikel lesen - Rosa, H. (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.
- Scharmer, C. O. (2020). Theorie U – Von der Zukunft her führen: Presencing als soziale Technik. 5., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Carl-Auer.
-
Stockem, U. (2026a).
Resonanzbasierte Schulentwicklung:
Von der individuellen Haltung
zur institutionellen Mündigkeit.
Version 4.2. Zenodo.
Handbuch auf Zenodo öffnen -
Stockem, U. (2026b).
Didaktik des digitalen Resonanzraums:
Bedingungen der Möglichkeit
eigenständiger Wahrnehmung,
Erfahrung und Antwort.
Version 1.0. Zenodo.
Didaktikskript auf Zenodo öffnen