Zum theoretischen Hintergrund

Raum für eigene Wege

Bedingungen für eigene Beteiligung

Die Erkundung greift das Modul „Autonomie ermöglichen“ aus dem Handbuch Resonanzbasierte Schulentwicklung auf. Sie richtet die Aufmerksamkeit auf Lernsituationen, in denen Schülerinnen und Schüler sich mit einer Aufgabe oder einem Gegenstand auseinandersetzen.

Betrachtet werden die vorhandenen Vorgaben, Möglichkeiten der Beteiligung, sichtbare eigene Beiträge und verfügbare Unterstützung. Im Mittelpunkt steht ihr Zusammenspiel: Welche Bedingungen bestanden für eigene Wege und was wurde davon in der Situation erkennbar?

Die Erkundung setzt weder einen Mangel an Beteiligung noch die Notwendigkeit einer Veränderung voraus. Auch eine bewährte Gestaltung lässt sich genauer betrachten.

Autonomie und Wahlmöglichkeiten

Die Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan unterscheidet Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als grundlegende psychologische Bedürfnisse. Autonomie bezeichnet dabei das Erleben, dem eigenen Handeln innerlich zuzustimmen und es als selbstbestimmt zu erfahren (vgl. Deci & Ryan, 2000; Ryan & Deci, 2017).

Dieses Erleben ist nicht mit der Anzahl angebotener Wahlmöglichkeiten gleichzusetzen. Eine Auswahl zwischen mehreren Bearbeitungswegen lässt sich bereitstellen. Ob die Lernenden diese Auswahl als bedeutsam und ihr Handeln als selbstgetragen erleben, bleibt davon zu unterscheiden.

Auch eine vorgegebene Aufgabe kann aus persönlich nachvollziehbaren Gründen übernommen werden. Umgekehrt belegt eine selbstständig getroffene Auswahl für sich genommen noch kein Autonomieerleben. Selbstbestimmung bedeutet deshalb weder vollständige Unabhängigkeit noch die Abwesenheit verbindlicher Anforderungen.

Orientierung, Unterstützung und Zugehörigkeit

Die drei Bedürfnisse werden in der Selbstbestimmungstheorie im Zusammenhang betrachtet. Kompetenz betrifft das Erleben eigener Wirksamkeit, soziale Eingebundenheit das Erleben von Verbundenheit und Zugehörigkeit. Bedingungen, die diese Bedürfnisse unterstützen, sind für Motivation und Beteiligung bedeutsam (vgl. Deci & Ryan, 2000; Ryan & Deci, 2017).

Für die Gestaltung richtet sich der Blick deshalb auch auf verständliche Anforderungen, zugängliche Hilfen, Rückmeldungen und den Umgang miteinander. Eigene Entscheidungen stehen in Beziehung zu den Informationen, Fähigkeiten und Unterstützungen, die den Lernenden zur Verfügung stehen.

In der Erkundung werden solche Bedingungen betrachtet, ohne ihnen bereits eine bestimmte Wirkung zuzuschreiben. Eine angebotene Hilfe belegt noch kein Kompetenzerleben. Eine gemeinsame Arbeitsform belegt noch keine erlebte Zugehörigkeit. Auch die erkennbare Nutzung einer Unterstützung lässt deren persönliche Bedeutung offen.

Angebot, Nutzung und Erleben unterscheiden

Die Erkundung unterscheidet drei Ebenen. Zur Gestaltung gehören Aufgaben, Vorgaben, Entscheidungsmöglichkeiten und Unterstützungen. Zur sichtbaren Nutzung gehören erinnerbare Fragen, Beiträge, Entscheidungen und Bearbeitungswege. Das persönliche Erleben betrifft die Bedeutung, die diese Bedingungen und Aktivitäten für die einzelnen Lernenden erhalten.

Zwischen diesen Ebenen bestehen Beziehungen, aber keine eindeutigen Entsprechungen. Ein eigener Zugang kann außerhalb der vorgesehenen Möglichkeiten entstehen. Eine angebotene Möglichkeit kann ungenutzt bleiben oder ihre Nutzung der Wahrnehmung der Lehrkraft entgehen.

Deshalb erhalten auch Äußerungen der Lernenden über ihre Beteiligung einen eigenen Platz. Sie eröffnen einen Zugang zu ihrer Perspektive. Einzelne Rückmeldungen sprechen jedoch nicht für die gesamte Lerngruppe und bilden das Erleben einer Person nicht vollständig ab. Wo entsprechende Äußerungen fehlen, bleibt eine Frage offen.

Auch die Erinnerung der Lehrkraft bleibt ausschnitthaft. Die Erkundung lädt dazu ein, Beobachtungen und eigene Deutungen zu unterscheiden, ohne vollständige Gewissheit über den damaligen Verlauf zu verlangen.

Gestaltung begründet beurteilen

Die Erkundung stellt Bewertungen zunächst zurück, um die Situation genauer zu betrachten. Sie schließt eine begründete Beurteilung der Gestaltung nicht aus. Erkennbare Ausschlüsse, unzugängliche Hilfen oder unklare Anforderungen dürfen benannt und überprüft werden.

Dabei bleiben die gemeinsame Aufgabe sowie unterschiedliche Voraussetzungen innerhalb der Lerngruppe bedeutsam. Dieselbe Unterstützung oder Wahlmöglichkeit ist nicht für alle gleichermaßen zugänglich. Eine Frage an die Gestaltung kann deshalb auch eine Frage danach sein, welche Schülerin oder welcher Schüler bislang wenig berücksichtigt wurde.

Die Frage „Was wäre mit den Lernenden zu klären?“ öffnet die Betrachtung für eine weitere Verständigung. Die eigene Einschätzung bildet einen Ausgangspunkt, ohne die Perspektiven der Lernenden zu ersetzen. Pädagogische Verantwortung bleibt dabei auch dort bestehen, wo nicht alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden.

Eine didaktische Ausarbeitung für Presencing

Innerhalb des digitalen Resonanzraums erweitert diese Erkundung die Betrachtung der eigenen Handlungsorientierung um die Bedingungen für die Beteiligung anderer. Die sieben Schritte sind eine didaktische Ausarbeitung auf Grundlage des Handbuchs. Sie bilden kein aus der Selbstbestimmungstheorie unmittelbar abgeleitetes Prüfverfahren.

Die Nutzung setzt weder das Durchlaufen der vorherigen Erkundungen noch einen bereits gewonnenen eigenen Handlungsspielraum voraus. Ebenso erlaubt sie keinen Nachweis von Autonomie, Kompetenzentwicklung oder Mündigkeit der Lernenden.

Der Abschluss „Was erscheint mir jetzt bedeutsam?“ lässt offen, ob eine Gestaltungsfrage, eine bestätigte Einschätzung oder eine Ungewissheit im Vordergrund steht. Eine anschließende Veränderung wird nicht als notwendiges Ergebnis verlangt.

Literatur und Bezug

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The “what” and “why” of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268. Zum Fachartikel

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2017). Self-Determination Theory: Basic Psychological Needs in Motivation, Development, and Wellness. Guilford Press.

Stockem, U. (2026). Resonanzbasierte Schulentwicklung: Von der individuellen Haltung zur institutionellen Mündigkeit (Version 4.2), Modul II.4 „Autonomie ermöglichen“. Zenodo. Zum Handbuch