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Was mich leitet

Die eigene Orientierung betrachten

Die Erkundung greift das Modul „Neue Orientierung entwickeln“ aus dem Handbuch Resonanzbasierte Schulentwicklung auf. Im Mittelpunkt steht die Frage, woran sich das eigene Handeln orientiert und was eine mögliche Antwort unter konkreten Bedingungen angemessen erscheinen lässt.

Eine neue Handlungsidee ist dafür keine Voraussetzung. Auch ein vertrautes Vorgehen lässt sich auf seine Gründe, Anliegen und Grenzen hin betrachten. Eine andere Möglichkeit kann hervortreten, das bisherige Vorgehen eine klarere Begründung erhalten oder eine Frage offenbleiben.

Orientierung bezeichnet hier die Anliegen und Maßstäbe, die bei der Betrachtung und Begründung des eigenen Handelns Gewicht erhalten. Sie bilden nicht notwendig ein widerspruchsfreies Ganzes und müssen im Moment des Handelns nicht ausdrücklich bewusst gewesen sein.

Vom erinnerten Handeln zu seinen Gründen

Der Weg beginnt mit einer konkreten Situation. Zunächst wird betrachtet, was erinnerbar gesagt, getan und beantwortet wurde. Erst anschließend richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, was das eigene Vorgehen damals sinnvoll erscheinen ließ.

Diese zeitliche Unterscheidung ist bedeutsam. Die damaligen Erwartungen und Bedingungen sind nicht mit der heutigen Einschätzung gleichzusetzen. Was rückblickend fragwürdig erscheint, mag im betreffenden Moment plausibel gewesen sein. Umgekehrt rechtfertigt die damalige Plausibilität das Vorgehen nicht bereits.

Erinnerung liefert dabei keinen vollständigen Zugang zum damaligen Geschehen. Auch ein heute formulierter Grund muss nicht derjenige gewesen sein, der das Handeln tatsächlich bestimmte. Die Erkundung lässt deshalb Lücken und Unklarheiten bestehen.

Anliegen und Spannungen

Aus der Betrachtung der Gründe führt die Erkundung zu den Anliegen, die darin erkennbar werden. Schutz, Beziehung, Lernförderung, Klarheit, Gerechtigkeit, Beteiligung oder Entlastung sind mögliche Bezugspunkte. Diese Begriffe bilden keinen Katalog, dem das eigene Erleben zugeordnet werden muss.

Mehrere Anliegen können zugleich bedeutsam sein und miteinander in Spannung stehen. Eine klare Vorgabe schafft beispielsweise Orientierung und begrenzt zugleich Entscheidungsspielräume. Eine individuelle Unterstützung berührt möglicherweise die Zeit und Aufmerksamkeit für die gesamte Gruppe.

Ein anerkennenswertes Anliegen begründet deshalb noch nicht jedes Vorgehen, das sich auf dieses Anliegen beruft. Zu prüfen bleiben die konkrete Situation, die anderen Beteiligten, die gemeinsame Aufgabe und die absehbaren Folgen.

Eine im Rückblick erkennbare Orientierung bleibt eine mögliche Lesart des eigenen Handelns. Sie eröffnet eine weitere Betrachtung, ohne eine eindeutige Erklärung der eigenen Beweggründe zu beanspruchen.

Ein Bezug zur mentalen Autonomie

Thomas Metzinger untersucht mentale Autonomie im Zusammenhang mit der Fähigkeit, eigene Aufmerksamkeits- und Denkprozesse absichtlich zu steuern und gegebenenfalls zu unterbrechen. Dass Gedanken bewusst erlebt werden, bedeutet dabei nicht bereits, dass ihr Verlauf bewusst gelenkt wird (vgl. Metzinger, 2013).

Die Erkundung knüpft daran mit einer eigenen didaktischen Fragestellung an: Ein vertrauter Gedanke oder eine zunächst plausible Begründung wird zum Gegenstand erneuter Betrachtung. Die Person erhält Gelegenheit, eigene handlungsleitende Vorstellungen zu prüfen, statt ihnen unmittelbar zu folgen.

Die Klärung pädagogischer Anliegen ist damit nicht gleichbedeutend mit Metzingers Begriff mentaler Autonomie. Sie stellt eine didaktische Konkretisierung im Rahmen dieses Angebots dar. Ob die Nutzung tatsächlich einen veränderten Umgang mit eigenen mentalen Prozessen unterstützt, lässt sich aus der Gestaltung allein nicht ableiten.

Presencing und mögliche Orientierung

Scharmers Theorie U richtet die Aufmerksamkeit unter anderem auf die Frage, aus welcher inneren Haltung Menschen wahrnehmen und handeln. Presencing verbindet die Öffnung gegenüber entstehenden Möglichkeiten mit der Frage nach einer zukünftigen Richtung (vgl. Scharmer, 2020).

Für diese digitale Erkundung wird daraus ein begrenzter Zugang entwickelt: Vertrautes Handeln und seine Begründungen betrachten, darin erkennbare Anliegen erkunden und eine mögliche weitere Antwort auf ihre Angemessenheit prüfen. Die acht Schritte sind eine didaktische Ausarbeitung und keine vollständige Übertragung des U-Prozesses.

Eine verborgene richtige Lösung wird dabei nicht vorausgesetzt. Ebenso wenig gilt eine neue Möglichkeit allein aufgrund ihrer Neuheit als angemessen. Auch ein zunächst stimmiges inneres Erleben ersetzt keine fachliche und pädagogische Prüfung.

Angemessenheit und verantwortliche Weiterverfolgung

Die Erkundung unterscheidet zwei miteinander verbundene Fragen: Was spricht in dieser Situation für oder gegen eine Möglichkeit? Und was braucht es, um sie verantwortungsvoll weiterzuverfolgen?

Die erste Frage richtet sich auf Anliegen, fachliche Gründe und die Belange der Beteiligten. Die zweite betrifft offene Informationen, erforderliche Absprachen, eigene Möglichkeiten und Grenzen sowie denkbare Folgen. Auch Anlässe für eine Anpassung oder Beendigung des Vorgehens gehören dazu.

Beide Betrachtungen bleiben aufeinander bezogen. Wenn wichtige Voraussetzungen fehlen oder absehbare Folgen gegen ein Vorgehen sprechen, ist auch seine Angemessenheit erneut zu prüfen. Eine Möglichkeit vorerst zurückzustellen bleibt eine begründbare Antwort.

Spätere Erfahrungen liefern zusätzliche Anhaltspunkte für die Beurteilung. Eine erwünschte Reaktion beweist jedoch nicht allein die Qualität des Vorgehens. Ebenso lässt sich eine unerwartete Reaktion nicht ohne Weiteres als dessen Scheitern deuten.

Ein Abschluss ohne Ergebnisvorgabe

Die Abfolge führt von der erinnerten Situation über Gründe und Anliegen zur Betrachtung einer möglichen Antwort. Sie bietet eine Bewegung der Aufmerksamkeit an. Ein entsprechender persönlicher Erkenntnisweg ist damit nicht zugesichert.

Mit der Frage „Was erscheint mir jetzt bedeutsam?“ kehrt der Abschluss zur gegenwärtigen Betrachtung zurück. Eine Orientierung, eine Spannung, eine offene Frage oder eine unveränderte Sicht behalten darin Raum. Ein Entschluss oder ein Handlungsvorsatz wird nicht verlangt.

Literatur und Bezug

Metzinger, T. (2013). The myth of cognitive agency: Subpersonal thinking as a cyclically recurring loss of mental autonomy. Frontiers in Psychology, 4, Artikel 931. Zum Fachartikel

Scharmer, C. O. (2020). Theorie U: Von der Zukunft her führen. Presencing als soziale Technik (5. Aufl.). Carl-Auer.

Stockem, U. (2026). Resonanzbasierte Schulentwicklung: Von der individuellen Haltung zur institutionellen Mündigkeit (Version 4.2), Modul II.3 „Neue Orientierung entwickeln“. Zenodo. Zum Handbuch